Ein Wintermorgen fast wie aus dem Bilderbuch: knackig kalt, blauer
Himmel. Gerd Müller führt uns entlang der Düssel, über alte Bahntrassen
und durch ehemalige Kalksteinbrüche rund um Haan. Das Leben ist schön.
Mittags kehren wir mit 32 Wanderern in einem Restaurant ein und werden
erst einmal zurechtgewiesen, unsere Jacken und Rucksäcke gefälligst von
den Stühlen und Bänken zu nehmen und diese in der Garderobe abzulegen.
Eine höfliche Rückfrage meinerseits, wo hier denn das Problem liege -
sind es etwa die Rucksäcke, deren Dreck man fürchtet? - wird nur mit
einem "Wir brauchen den Platz." beantwortet. Ich verstehe es nicht, füge
mich aber wie all die anderen, und nehme etwas irritiert wieder Platz.
"Guten Tag. Ich bin Chefin, Köchin, Putzfrau ...", werden wir begrüßt.
Die hungrige Wandergruppe soll mit einer kostenlose Suppe willkommen
geheißen werden. Großes Hurra. Danach haben wir die Wahl zwischen
Schweinebraten mit Sauerkraut oder Wiener Schnitzel mit Bratkartoffeln.
"Hmm, etwas dürftig, die Auswahl", denke ich, möchte ich doch eigentlich
nur eine Kleinigkeit zu mir nehmen.
Ich entschließe mich, auf das Schnitzel zu verzichten und mir eine
Portion Bratkartoffeln zu bestellen. Doch erst werden einmal Getränke
aufgenommen. Das klappt nicht ganz reibungslos, ist aber aufgrund der
Gruppengröße durchaus verständlich und akzeptabel. Dann tritt eine junge
Bedienung an unseren Tisch. Renate möchte "das Schnitzel" und die junge
Dame schaut sie aus großen Augen an. Da müsse sie erst die Chefin
fragen, entschuldigt sie sich und verschwindet. Nun taucht die Chefin
auf und übernimmt die Bestellungen. "Wer nimmt den Schweinebraten?",
fragt sie in den Raum. 7 Finger schnellen nach oben. "Ok, der Rest
bekommt dann Schnitzel!." "Neeeeeeeeeeeinnnnn", schallt es ihr
25-stimmig entgegen. "Also, es gibt Schweinebraten mit Sauerkraut oder
Wiener Schnitzel mit Bratkartoffeln. Wer nimmt jetzt den Braten?" Nun
zählt sie acht Handzeichen. "Gut, für den Rest gibt es dann Schnitzel",
will sie bestimmen und setzt schon an, um in die Küche zu rasen.
"Neeeeeeeeeeeinnnnn", intoniert wieder der Chor der Wandermägen. Frau
Chefin steigt die Zornesröte ins Gesicht. Inga ergreift das Wort. "Ich
hätte gerne eine Portion Sauerkraut mit Bratkartoffeln." "Das geht
nicht. Entweder Braten oder Schnitzel. Etwas anderes bekommen Sie
nicht!", kommt die Antwort der Wirtin etwas zu barsch. "Oh, là, là",
denke ich mir, und frage mich, ob das hier nun zu einer heißen Schlacht
am kalten Buffet ausartet. "Ich möchte jetzt aber gar kein Schnitzel
essen", entgegnet Inga. "Kein Problem, dann lassen sie sich das
Schnitzel anschließend einpacken", poltert es zurück. Huch, ganz schön
unverschämt. Ich verabschiede mich gedanklich von meinen Bratkartoffeln
und überlege schon, ob es in der Nähe keinen Geocache gibt, mit dem ich
die Wartezeit draußen überbrücken kann.
Brunhild möchte unter diesen Umständen nur eine Suppe. "Wenn Sie kein
Menü bestellen, bekommen Sie auch keine Suppe", faucht Frau Chefin sie
an. Oh mein Gott, wo ist die nur in die Lehre gegangen? "Aber ich würde
sie doch auch bezahlen!". "Na gut, daran habe ich nicht gedacht.
Ausnahmsweise können sie die Suppe auch bezahlen." Ich weiß jetzt, wo
sie ihre Ausbildung gemacht hat. Es muss eine Bundeswehrkaserne gewesen
sein. Eine Szene aus "Full Metall Jacket" zieht an meinem inneren Auge
vorbei. Das Leben war schön.
"Wir sind Vegetarier", melden sich zwei zu Wort. "Das ist mir egal. Bei
mir gibt es keine Vegetarier! Von mir aus können Sie morgen wieder
Vegetarier sein!". Mir reicht es. Ich verlange die Rechnung für mein
Malzbier und beschließe entgültig, diesen Ort zu verlassen. Dieser
unverschämten Trulla will ich keinen Cent mehr in den Militärstabsrachen
schmeißen. Da ist es mir auch egal, dass ich mir draußen den Hintern
abfrieren werde. Vorher gehe ich aber noch auf die Toilette, um das Malz
wieder zurückzugeben. Man tut, was man kann.
Draußen bin ich nur kurz alleine, nach und nach folgen weitere
Deserteure. Alternativen gibt es hier keine, also rotten wir uns an
einer Bushaltestellen zusammen und werfen die Reste aus unseren
Rucksäcken zusammen. Jeder gibt noch seine persönliche wunderliche
Geschichte zum Besten, und am Ende stellt sich raus, dass auch ein
Seniorenteller mit einem trotzigen "Heute nicht!" abgewiesen wurde.
Veronika hatte die Kröte geschluckt und sich den Rest des Bratens für
den Abend einpacken lassen wollen. Als sie mit einer Folie von der Theke
zurückkommt, ist ihr Fleisch verschwunden. Zum Glück kann sie noch
herzlich mit uns darüber lachen.
Fazit: Um kurz auf ein Getränk reinzuschneien und auf der Toilette in
Ruhe einen Furz abzulassen, ist die Lokalität bestens geeignet.
Ansonsten bleibt zu hoffen, dass bald kein Hahn mehr nach diesem Hof kräht.