Einkehr mit Hindernissen von Nadine Maxeiner

 

Ein Wintermorgen fast wie aus dem Bilderbuch: knackig kalt, blauer

Himmel. Gerd Müller führt uns entlang der Düssel, über alte Bahntrassen

und durch ehemalige Kalksteinbrüche rund um Haan. Das Leben ist schön.

 

Mittags kehren wir mit 32 Wanderern in einem Restaurant ein und werden

erst einmal zurechtgewiesen, unsere Jacken und Rucksäcke gefälligst von

den Stühlen und Bänken zu nehmen und diese in der Garderobe abzulegen.

Eine höfliche Rückfrage meinerseits, wo hier denn das Problem liege -

sind es etwa die Rucksäcke, deren Dreck man fürchtet? - wird nur mit

einem "Wir brauchen den Platz." beantwortet. Ich verstehe es nicht, füge

mich aber wie all die anderen, und nehme etwas irritiert wieder Platz.

"Guten Tag. Ich bin Chefin, Köchin, Putzfrau ...", werden wir begrüßt.

Die hungrige Wandergruppe soll mit einer kostenlose Suppe willkommen

geheißen werden. Großes Hurra. Danach haben wir die Wahl zwischen

Schweinebraten mit Sauerkraut oder Wiener Schnitzel mit Bratkartoffeln.

"Hmm, etwas dürftig, die Auswahl", denke ich, möchte ich doch eigentlich

nur eine Kleinigkeit zu mir nehmen.

 

Ich entschließe mich, auf das Schnitzel zu verzichten und mir eine

Portion Bratkartoffeln zu bestellen. Doch erst werden einmal Getränke

aufgenommen. Das klappt nicht ganz reibungslos, ist aber aufgrund der

Gruppengröße durchaus verständlich und akzeptabel. Dann tritt eine junge

Bedienung an unseren Tisch. Renate möchte "das Schnitzel" und die junge

Dame schaut sie aus großen Augen an. Da müsse sie erst die Chefin

fragen, entschuldigt sie sich und verschwindet. Nun taucht die Chefin

auf und übernimmt die Bestellungen. "Wer nimmt den Schweinebraten?",

fragt sie in den Raum. 7 Finger schnellen nach oben. "Ok, der Rest

bekommt dann Schnitzel!." "Neeeeeeeeeeeinnnnn", schallt es ihr

25-stimmig entgegen. "Also, es gibt Schweinebraten mit Sauerkraut oder

Wiener Schnitzel mit Bratkartoffeln. Wer nimmt jetzt den Braten?" Nun

zählt sie acht Handzeichen. "Gut, für den Rest gibt es dann Schnitzel",

will sie bestimmen und setzt schon an, um in die Küche zu rasen.

"Neeeeeeeeeeeinnnnn", intoniert wieder der Chor der Wandermägen. Frau

Chefin steigt die Zornesröte ins Gesicht. Inga ergreift das Wort. "Ich

hätte gerne eine Portion Sauerkraut mit Bratkartoffeln." "Das geht

nicht. Entweder Braten oder Schnitzel. Etwas anderes bekommen Sie

nicht!", kommt die Antwort der Wirtin etwas zu barsch. "Oh, là, là",

denke ich mir, und frage mich, ob das hier nun zu einer heißen Schlacht

am kalten Buffet ausartet. "Ich möchte jetzt aber gar kein Schnitzel

essen", entgegnet Inga. "Kein Problem, dann lassen sie sich das

Schnitzel anschließend einpacken", poltert es zurück. Huch, ganz schön

unverschämt. Ich verabschiede mich gedanklich von meinen Bratkartoffeln

und überlege schon, ob es in der Nähe keinen Geocache gibt, mit dem ich

die Wartezeit draußen überbrücken kann.

 

Brunhild möchte unter diesen Umständen nur eine Suppe. "Wenn Sie kein

Menü bestellen, bekommen Sie auch keine Suppe", faucht Frau Chefin sie

an. Oh mein Gott, wo ist die nur in die Lehre gegangen? "Aber ich würde

sie doch auch bezahlen!". "Na gut, daran habe ich nicht gedacht.

Ausnahmsweise können sie die Suppe auch bezahlen." Ich weiß jetzt, wo

sie ihre Ausbildung gemacht hat. Es muss eine Bundeswehrkaserne gewesen

sein. Eine Szene aus "Full Metall Jacket" zieht an meinem inneren Auge

vorbei. Das Leben war schön.

 

"Wir sind Vegetarier", melden sich zwei zu Wort. "Das ist mir egal. Bei

mir gibt es keine Vegetarier! Von mir aus können Sie morgen wieder

Vegetarier sein!". Mir reicht es. Ich verlange die Rechnung für mein

Malzbier und beschließe entgültig, diesen Ort zu verlassen. Dieser

unverschämten Trulla will ich keinen Cent mehr in den Militärstabsrachen

schmeißen. Da ist es mir auch egal, dass ich mir draußen den Hintern

abfrieren werde. Vorher gehe ich aber noch auf die Toilette, um das Malz

wieder zurückzugeben. Man tut, was man kann.

 

Draußen bin ich nur kurz alleine, nach und nach folgen weitere

Deserteure. Alternativen gibt es hier keine, also rotten wir uns an

einer Bushaltestellen zusammen und werfen die Reste aus unseren

Rucksäcken zusammen. Jeder gibt noch seine persönliche wunderliche

Geschichte zum Besten, und am Ende stellt sich raus, dass auch ein

Seniorenteller mit einem trotzigen "Heute nicht!" abgewiesen wurde.

Veronika hatte die Kröte geschluckt und sich den Rest des Bratens für

den Abend einpacken lassen wollen. Als sie mit einer Folie von der Theke

zurückkommt, ist ihr Fleisch verschwunden. Zum Glück kann sie noch

herzlich mit uns darüber lachen.

 

Fazit: Um kurz auf ein Getränk reinzuschneien und auf der Toilette in

Ruhe einen Furz abzulassen, ist die Lokalität bestens geeignet.

Ansonsten bleibt zu hoffen, dass bald kein Hahn mehr nach diesem Hof kräht.